Während eines Ostseeurlaubes führte mich mein Weg auch nach Graal-Müritz. Das Seeheilbad ist eine amtsfreie Gemeinde im Landkreis Rostock in Mecklenburg-Vorpommern. Der nordöstlich der Stadt Rostock gelegene Ort dehnt sich über eine Länge von vier Kilometern entlang der Ostseeküste aus.
Eine befreundete Schriftstellerin, deren Jugendbuch in dieser wunderschönen Region spielt, zeigte mir „ihr“ Graal-Müritz – und natürlich beschritten wir auch die 350 Meter lange Seebrücke.
Ich schaute auf die See, die an diesem Dezembertag ganz ruhig vor uns lag, und sagte zu ihr: „Auf dieser Brücke haben sich die Eltern von Walter Kempowski vor über 100 Jahren kennengelernt“. Wohl wissend, dass es nicht diese Brücke war, sondern ihre Vorläuferin, die 1941 im Krieg zerstört wurde.
„Eine zierliche Blondine mit Mittelscheitel erscheint eines Abends auf der Brücke, Grethe de Bonsac aus Hamburg, Vater: Import und Expert en gros (das stand am Gemeindeamt zu lesen): ob die Angler was fangen, das will sie sehen. Die Fische abmachen vom Haken, das muß ja schrecklich sein. Der rote Schwimmer, wenn der untertaucht, dann hat´s geschnappt“.
Diese erste Begegnung seiner Eltern im August 1913 schildert Walter Kempowski Roman „Aus großer Zeit“ aus dem Jahr 1978.
Meine „Begegnung“ mit Walter Kempowski
Ich habe den Namen Walter Kempowski das erste Mal im Jahr 1988 gehört. Als Bundeswehrsoldat in Dedelstorf (eine Gemeinde im Landkreis Gifhorn in Niedersachsen) stationiert, erzählte mir damals eine Verwaltungsangestellte begeistert, dass sie an einem der nächsten Wochenenden zu ihrem „Kempi“ fahren wolle. Der wohne im nahen Nartum (Landkreis Rotenburg/Wümme) und führe ein Literaturseminar durch. Daran wolle sie unbedingt teilnehmen.
Ich recherchierte: Walter Kempowski wurde am 29. April 1929 in Rostock als Sohn des Reeders und Schiffsmaklers Karl Georg Kempowski (1898–1945), Teilhaber der Reederei Otto Wiggers, und der Hamburger Kaufmannstochter Margarethe Kempowski (1896–1969), geb. Collasius, geboren.
Ein paar Tage später ging ich in eine Buchhandlung meiner Heimatstadt Wolfenbüttel und kaufte mir sein wohl bekanntestes Buch: „Tadellöser und Wolff“. Kurz danach sah ich die fantastische Verfilmung des ZDF 1975 mit Edda Seippel als Margarethe Kempowski und Karl Lieffen als Karl Kempowski. In den folgenden Jahrzehnten wurde ich zum begeisterten Kempowski-Leser und bin es bis heute geblieben.
Jahre später lernte ich den Dorfchronisten und Kempowski-Verehrer Fritz Carstens sen. aus Kempowskis Wohnort Nartum kennen, der mir für 10 Euro Filmaufnahmen von Walter Kempowski zuschickte. Was habe ich mich damals gefreut… Ich möchte an dieser Stelle noch einmal herzlichen Dank an Fritz Carstens sagen.
Walter Kempowski starb am 5. Oktober 2007 in Rotenburg/Wümme. Diese Erinnerungen gehen mir durch den Kopf, während ich am Ende der Brücke stehend zum Strand zurückblicke und mich frage: Wo denn nun genau haben sich die beiden damals gesehen? War es am Anfang der Seebrücke, irgendwo in der Mitte oder an dem Platz, an dem ich jetzt stehe und mit einbrechender Dunkelheit das Meer eher ahne denn sehe?
In Rostock befindet sich übrigens das Kempowski Archiv. Bei meinem nächsten Rostock Aufenthalt werde ich es besuchen!
