Kleiner Mann – was nun?
Ich gehe am Meer entlang und sehe vor mir eine Szene, die sich mir aus der kongenialen DEFA Verfilmung von 1967 von „Kleiner Mann – was nun?“ mit Jutta Hoffmann und Arno Wyzniewski ins Gedächtnis eingebrannt hat: Ein junges Liebespaar läuft am Meeressaum aufeinander zu. Ihre Liebe ist jung, groß und voller Hoffnung – und doch werden die beiden an den Lebensumständen, Elend und Arbeitslosigkeit im Deutschland der Weimarer Republik, scheitern.
Während meine Augen sich ebenfalls in der Weite der Küstenlandschaft verlieren, sehe ich den Autoren, Hans Fallada, vor mir, wie er völlig ausgebrannt aus Berlin im Dezember 1931 auf Hiddensee ankommt. Er will sein angefangenes Manuskript beenden und braucht dazu die Abgeschiedenheit der Ostseeinsel im Winter.
Fallada mietet sich in Neuendorf ein, um in der Stille der Dünenlandschaft, sein Werk zu vollenden, das zum Welterfolg werden wird.
Das junge Liebespaar inmitten der Wirtschaftskrise zerbricht an den äußeren Umständen, die es dem kleinen Angestellten mit Frau und Kind nach dem Ende des 1. Weltkrieges unmöglich machen, zu existieren. Der Roman traf den Nerv der Zeit und viele Leser mitten ins Herz, weil die Protagonisten Johannes Pinneberg und seine Frau Emma, genannt Lämmchen, ihre Liebe wie ein Geschenk nehmen und doch scheitern müssen.
Hier auf Hiddensee hat Hans Fallada, der zu meinen Lieblingsautoren gehört, seinen Roman beendet und vermutlich wie ich heute auf das Meer geschaut und sich die Szenerie ausgemalt, wie Emma und Johannes vor dem Meeressaum aufeinander zulaufen. Ewig schönes Bild, denke ich und werde bei meinem nächsten Hiddensee-Aufenthalt nach Neuendorf laufen, um mir im Cafe Meersaal die Ausstellung in dem Wissen anzusehen, dass vor vielen Jahrzehnten in dem Vorgänger dieses Hauses (dem Gasthof Freese) in der oberen Etage ein einsamer und am Leben verzweifelnder Autor wohnte und an seinem späteren Welterfolg arbeitete. Danke, Hans Fallada.
